Feb 16

Mein Eindruck

lebensabschnittsbuch Dieses Buch kann ich ECHT nicht leiden. Wie ein keifender alter Rentner versucht Reichert mich und alle anderen um die 30-jährigen zu einem besseren Leben in toller Wohnung, richtiger Feststellung und massiven Spießertum zu bewegen:

Halten Sie nun bitte Ihre Umhängetasche in Griffweite
bereit. Wir werden die Tasche gemeinsam Stück für Stück
auspacken und die jeweiligen Gegenstände auf ihre Relevanz
überprüfen. Vielleicht brauchen Sie den ganzen Kram ja inzwi-
schen gar nicht mehr? Erwachsenwerden bedeutet, loslassen
zu können. Loslassen vom bisherigen Lebensabschnitt. Das
tut weh, aber danach stehen Sie vielleicht besser und freier
da. Erwachsenwerden bedeutet, sein eigenes Leben zu leben:
Die Suche ist nicht mehr Selbstzweck, sondern führt zum
Auffinden des richtigen Weges. Wir werden versuchen, diese
Orientierungsschwierigkeiten gemeinsam zu überwinden.
Manchmal sieht man ja den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Nein das möchte ich eigentlich nicht. Aber am Besten fange ich mit meiner Tragödie von Vorne an.

Das Buch hatte ich mir für eine Flugreise eingepackt. Während des Verstauens prüfte ich kurz den Umfang. “Über 200 Seiten, das sollte eigentlich ein paar Tage halten,” sagte ich zu mir selbst und stieg in den Flieger. Nach dem obligatorischen Studium des Bordmagazin kramte ich das Büchlein von Reichert raus und begann die ersten Seite zu studieren. Irgendwie klang das recht schrecklich …

Sie sind 34, tragen Drei-Tage-Bart am ganzen Kopf, ein
verwaschenes American-Apparel Sweat-Shirt, Acne
Jeans, eine Sonnenbrille, die größere Gläser hat, als Jacqueline
Kennedy-Onassis sich jemals hätte vorstellen können – und
morgens nach dem Aufstehen tut Ihnen der Rücken weh? Sie
sind 33, tragen eine Pony-Frisur für 19,90 Euro, sind in ein
weiß-himmelblaues Nachthemd mit Rüschen-Saum gewan-
det, das sie in diesem abgefahrenen Concept-Store in Berlin-
Mitte erworben haben, tragen eine Sonnenbrille mit Gläsern
so groß wie CDs – und die Tränensäcke wollen heute trotz-
dem partout nicht abschwellen?

Sehe ich wirklich so scheiße aus? Schnell flitzte ich aufs ToiToi und beäugte mich im Spiegel. Fazit: Geht noch… Bin wie gehabt der vorzeigbare Schwiegermutti-Dönerverkäufer.

Mit jeder Seite die ich las erhöhte sich interessanterweise meine Lesegeschwindigkeit. Letztlich blätterte ich nur noch von Kapitel zu Kapitel und schenkte dann und wann Satzanfängen und -enden Aufmerksamkeit. Besprechungen von Neon, dem Old-School-Parfüm CK One, dem Notizbuch Moleskin, das Billigticket gen London, etc… fanden sich alles in der Umhängetasche von Reichert. “Was der alles so mit sich rumschleppt,” reflektierte ich für einen Moment das umfängliche Taschenintrieur des Autors. Innerhalb von knapp 2,5h war das Buch für mich Geschichte. GOTTSEIDANK. So einen schlecht gelaunten Autor hatte ich wahrlich schon lange nicht mehr erlebt! Vielleicht liegt das ja an seiner Präferenz für … Ach ich mag mich jetzt nicht darüber weiter auslassen. Fakt ist: Die Lektüre des Buches war nervig und im Grunde Zeitverschwendung. Ich hoffe inständig, dass der Begriff “Umhängetasche” nicht das neue Synonym für mich und die restlichen kinderlosen Hedonisten verkommt – “Cabriohabenwoller” klingt doch viel toller! Außerdem hasse ich Umzüge.

Zum Inhalt

»Eigentlich sollten wir erwachsen werden« – so lautet der Wahlspruch der
Generation Umhängetasche. Aber warum tun wir uns so schwer damit?
Was ist so kompliziert, spießig oder schrecklich daran, Verantwortung zu
übernehmen, sich einen ordentlichen Job zu suchen und sogar eine Fami-
lie zu gründen?
Martin Reichert gibt Hilfe zur Selbsthilfe und zeigt, wie es zu schaffen ist,
ohne dass man sich selbst oder seine Ideale verrät!

Erfolgreich erwachsen werden mit Mitte 30!


»Sie sind Mitte dreißig,
besitzen eine Freitag-Tasche,
tragen hyperteure Vintage-Jeans
und eine Sonnenbrille mit Gläsern so groß wie CDs – und
morgens nach dem Aufstehen tut Ihnen der Rücken weh?«

Über den Autor

Reichert,Martin_04 Martin Reichert, Jahrgang 1973, ging 1996 nach Berlin, um erwachsen zu
werden. Seitdem arbeitete er als Autowäscher, freier Journalist und Ka-
belhelfer beim Fernsehen, wurde Assistent des ehemaligen ARD-
Chefredakteurs Martin Schulze, studierte nebenbei Geschichte und zog
einmal im Jahr um. Seit Abgabe seiner Magisterarbeit über die Deutsche
Jugendbewegung arbeitet er als freier Autor und ist Redakteur bei der taz.
Dieses Buch zwingt ihn, nun endlich ernst zu machen: Er zieht in eine
richtige Wohnung und hängt seine völlig zerschlissene Umhängetasche
an den Nagel.
Martin Reichert
Wenn ich mal groß bin
Das Lebensabschnittsbuch für die
Generation Umhängetasche
235 Seiten, Broschur
8,95 Euro; 16,80 sFr (UVP)
ISBN: 978-3-596-17946-6

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4 Kommentare zu “Ich laufe gerne mit großer Umhängetasche herum – das ist nämlich praktisch”

  1. Oliver Springer sagt:

    Das Erwachsensein wird massiv überschätzt. Ohne das Buch zu kennen: Was muss man eigentlich für Sorgen haben (oder müssen die fehlen?!), damit man auf die Idee kommt, anderen Menschen – nennen wir sie ruhig mal Erwachsene – vorschreiben zu wollen, was in eine Tasche gehört und was nicht?

    Verantwortung zu übernehmen, ist eine gute Sache. Doch das drückt sich wohl kaum darin aus, wie es im Inneren einer Umhängetasche aussieht, sondern im Herzen und an der Geisteshaltung.

  2. Thomas sagt:

    Genau, Genau!

  3. Miau Mio sagt:

    Ich kann nur bestätigen, dass dieses Buch mehr Horrorszenario als alles andere ist. Nun, ich habe dieses Buch eigentlich nur gelesen, um das Nörgeln meines Freundes zu entkräften, sah mich aber von Zeile zu Zeile mehr darin bestätigt, dass dieses Buch definitiv weder für mich (27 Jahre jung und immernoch davon überzeugt, dass noch viele Dinge zu tun habe, eh ich zum Spießbürgertum übergehen werde, geschweigedenn meine Gedanken an Familienplanung verschwenden möchte) noch für einen meiner wie so schön beschrieben: “Langzeitadoleszenten Freunde” die richtige Lektüre darstellt. Wer sich dennoch mit diesem Buch auseinandersetzen möchte, soll sichs bei mir ausleihen, eh er noch sein hart verdientes Geld dafür verschwendet.

  4. Dominik sagt:

    Habe das Buch gelesen und mir ergeht es ähnlich wie Miau Mio. Mein Vater meinte, jetzt komm das musst Du lesen, das ist interessant.

    Ich hoffe, dass ichs bei ebay wieder für n paar Taler losbekommen. :-)

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